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23. - 26. März 2011 / 20:30 Uhr | DT. ERSTAUFFÜHRUNG
Überleben eines Handlungsreisenden - eine Beratung.
Ein Projekt von Bettina Kraus und Philipp Hauß
„Was mir eingefallen ist - Sie wollen auf keinen Fall das Schicksal Ihres Vaters wiederholen. Aber vielleicht, dass Sie selber Berater… Vielleicht ist Coaching eine Richtung. Dass Sie quasi Coach werden, da wäre ein eigenes Maß an Erfahrung... wie wollen Sie wen überzeugen ohne Erfahrung? Wobei als Coach will man oder soll man eh niemanden überzeugen... ich bin auch Coach - ich bin Jobcoach aber im Endeffekt kann ich auch im Privaten oder Beruflich. Coachen kann man alles.“
(Aus einem Gespräch mit einem Jobcoach)
>> Pressestimmen zur Uraufführung in der Garage X, Wien
Willy Loman, dem Held aus Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, ist seit 1949 nicht zu helfen. Am Ende des Stückes wählt er den Weg, für den sich im Jahr 2009 zahlreiche gemobbte und von ihrer Firmenleitung unter Druck gesetzte Mitarbeiter von France Telecom auch entschieden haben: er bringt sich um. Sein fiktiver Sohn Bill Nolan scheint prädestiniert dafür, das zwischen mangelndem Erfolg, überzogenen Wunschträumen und Selbstbetrug schlingernde Leben seines Vaters zu wiederholen.
Bill Nolan hat Probleme mit sich, mit seiner Geschichte, mit seinen Berufsaussichten, mit seinen Träumen. Er ist gefangen in dem paradoxen Zustand, dass er, um jemand werden zu können, erst einmal eine Vision davon entwickeln müsste, wie er sein will, wozu er eigentlich schon „jemand“ sein müsste.
Er stellt fest, dass er die Probleme nicht alleine lösen kann. Und macht sich in der Fiktion von „Überleben eines Handlungsreisenden“ auf, um sich von Therapeuten, Coaches und Heilern helfen zu lassen.
Vier Schauspieler haben als Bill-Klone mehr als fünfzehn „echte“ professionelle Trainer besucht, vom Shiatsu-Anhänger und der Familienaufstellerin über den NLP-Experten bis zum Unternehmensberater. Das Resultat dieser Gespräche sind über 300 Seiten Gesprächsprotokolle, die die Basis für den Abend bilden.
Es geht nicht darum, unterschiedliche Beratungsformen zu evaluieren und eine Art theatralische Stiftung Warentest durchzuführen. Das Frappierende ist vielmehr, wie schnell ganz grundlegende Fragen in den Beratungssituationen aufkommen: Wie will ich sein? Wie will oder soll ich leben? Wonach strebe ich? Nach Glück? Und wenn ich nach Glück strebe, finde ich es vielmehr im Nichtangestrebten, im Unverdienten, statt auf dem sogenannten richtigen Weg?
Dass genau diese Fragen uns heute offenbar auf der Seele brennen, zeigt nicht zuletzt der ungebrochene Boom, den die Beraterbranche seit 35 Jahren verzeichnen kann. Es hat den Anschein, dass die aufgeklärte Gesellschaft, die weitgehend ohne Religion, ohne rigide Moral auskommen muss, ein tiefes Bedürfnis nach dieser selbstreferentiellen Übung verspürt.
Wenn auch vielleicht nur, um die zahlreichen Verlierer und Enttäuschten immer wieder integrieren zu können, wie das Dirk Baecker beschrieben hat: „Wer auch immer sich jetzt betrogen und enttäuscht fühlt, erfährt doch immerhin, dass er dabei war und daher eine Erfahrung gemacht hat, deren Form er analysieren muss, um beim nächsten Mal anders dabei sein zu können.“
Ob Bill Nolan der Misere eines Loman-Lebens entkommt, ist abzuwarten. Vielleicht liegt aber auch in der Tragödie und in der Sinnlosigkeit mehr Schönheit als in einer durchtherapierten Funktionalität.
Produktion: GARAGE X in Koproduktion mit Philipp Hauß und Bettina Kraus
Konzept: Philipp Hauß und Bettina Kraus
Inszenierung und Fassung: Philipp Hauß
Bühne: drobnik.kraus (Michael Drobnik, Bettina Kraus)
Besetzung: Katrin Grumeth, Gottfried Neuner, David Oberkogler, Dietrich Kuhlbrodt, Ana Stefanovic
Dauer: 90 min
„Überleben eines Handlungsreisenden – eine Beratung“ wird vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München gefördert. Die Uraufführung fand am 19. Januar 2011 bei GARAGE X in Wien statt, die Deutschland-Premiere wird im März 2011 im i-camp zu sehen sein.
Tickets: 16.- / ermäßigt 10.-
Reservierung: 089/650000 (AB) + tickets@i-camp.de
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